2015-10-18 - Interview mit Jonas Richardt

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Jonas Richardt, Schüler der Jahrgangsstufe 12 unserer Schule, hat erfolgreich an einem Essay-Wettbewerb teilgenommen. Ein Essay ist ein kurzer meinungsfreudiger Text, der eine bestimmte Problemfrage einerseits wissenschaftlich, aber mehr noch sehr subjektiv beleuchtet. Herr Gerlach, Deutsch- und Geschichtslehrer unserer Schule und Betreuer des Essay-Wettbewerbes, führte das folgende Gespräch mit Jonas.

Herr Gerlach: Jonas, Sie haben erfolgreich am Essay-Wettbewerb der Berkenkamp-Stiftung teilgenommen. Was hat Sie dazu bewogen?

Jonas Richardt: Mein Freund Demian Zarnoski hat im letzten Jahr einen Essay für diesen Wettbewerb verfasst und hat es unter die ersten Zehn geschafft. Als ich dann von der neuen Runde erfuhr, habe ich nicht gezögert und sofort zugesagt.

Herr Gerlach: Welches der drei vorgegeben Themen haben Sie gewählt?

Jonas Richardt: Ein Zitat des Schriftstellers Franz Kafka: „Ein Käfig ging einen Vogel suchen“.

Herr Gerlach: Warum haben Sie gerade dieses Thema gewählt?

Jonas Richardt: Es schien mir am ergiebigsten zu sein, den meisten Spielraum für eine kreative Entfaltung zu bieten. Die anderen Themen erschienen mir zu klischeehaft und irgendwie so, als würde ich mich nur noch wiederholen können.

Herr Gerlach: Das heißt, Ihnen liegt das freie, kreative Schreiben am meisten?

Jonas Richardt: Eindeutig. Bei freien Schreibformen kann ich am ehesten etwas von meiner Persönlichkeit hereinbringen. Das merkt man besonders am Schreibstil, da kann man den Texten sozusagen eine persönliche Note geben.

Herr Gerlach: Wie sieht diese persönliche Note genau aus?

Jonas Richardt: Ich mag es ein recht offenes Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, verschiedene Ansichten darzustellen, verschiedene Auslegungsvarianten auszuprobieren. Es geht mir also nicht um Beweise, dass nur eine Lösung richtig ist; jede Ansicht ist richtig, es gibt eben verschiedene Beweise für verschiedene Lösungen. Typisch für mich ist z.B., dass ich am Ende immer einen Kompromiss suche, so dass mehrere Meinungen nebeneinander stehen bleiben können

Herr Gerlach: Wie kommen Sie zu den vielen verschiedenen Meinungen?

Jonas Richardt: Wenn ich etwas schreibe, stelle ich mir immer vor, was diejenigen sagen würden, die mir widersprechen wollen. Dann verarbeite ich sozusagen im Vorhinein die Meinungen der Menschen, die alles ganz anders sehen. Ich nehme diese anderen Standpunkte ernst und die Vertreter dieser Standpunkte sollen merken, dass ich sie ernst nehme.

Herr Gerlach: Da bietet sich Franz Kafka ja förmlich an. Denn bei ihm gibt es ja auch unendlich viele Auslegungsmöglichkeiten. Hatten Sie irgendwelche Vorkenntnisse über Kafka?

Jonas Richardt: Im Unterricht musste ich mich eher mit Kafka beschäftigten, im Sinne einer wissenschaftlichen Interpretation. Aber ich hatte sofort das Gefühl, ich verstünde die Motive, die Franz Kafka zum Schreiben gedrängt haben.

Herr Gerlach: Inwiefern konnten bzw. können Sie seine Motive nachvollziehen oder nachfühlen?

Jonas Richardt: Kafkas Texte sind ja sehr negativ, vielleicht sogar depressiv. Das war für mich eine erfrischende Abwechslung zu den „laschen“ Texten, die man sonst so im Unterricht liest. Die bildliche Sprache, die vielen ungewöhnlichen Metaphern faszinieren mich an Kafka. So wie das Zitat für den Essay-Wettbewerb: „Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“ Das geht natürlich nicht – und doch: irgendwie schon! Man muss die Ebene des Realen verlassen, um solch ein Bild zu verstehen, und es danach wieder in die Realität übersetzen. Das macht für mich den Reiz an Kafkas Bildern aus.

Herr Gerlach: Für Franz Kafka war Schreiben auch Therapie. Für ihn war das Schreiben gleichbedeutend mit dem Leben. Welche Funktion hat das Schreiben für Sie?

Jonas Richardt: Ich schreibe, weil ich es möchte. Es ist ein Selbstzweck. Man lebt, um zu leben, und ich schreibe, weil ich das Verlangen habe, zu schreiben. Ich habe Gedanken – und die möchten verschriftlicht werden, es muss elegant sein, ich muss mich über meine eigenen Gedanken amüsieren können, ich möchte meine Meinungen und Gefühle festhalten. Eine ähnliche Funktion hat die Musik für mich, wobei sie immer die Note des Präsenten, des Augenblicks hat, wohingegen man sich beim Schreiben in ganz ferne Welten bewegen kann.

Herr Gerlach: Was reizt Sie an den fernen Welten?

Jonas Richardt: Die Freiheit besteht gar nicht so sehr in der Freiheit von Schreibregeln, sondern in einem Frei-Sein von der Welt. Ich kann beim Schreiben Dinge ausprobieren, die ich im richtigen Leben niemals tun könnte. So habe ich z.B. einmal einen Text über Folter geschrieben, wobei ich natürlich nie daran denken würde, jemanden zu foltern.

Herr Gerlach: Schreiben ist für Sie also eine Art Simulation.

Jonas Richardt: Ja, ich habe sozusagen Macht über meine Figuren und kann diese Dinge tun lassen, die in der Realität nicht möglich sind.

Herr Gerlach: Jonas, können Sie sich daran erinnern, wann sie zum ersten Mal eigene Texte geschrieben haben?

Jonas Richardt: Das ist eine schwere Frage, denn ich habe ja schon das biblische Alter von 17 Jahren erreicht. Ich glaube so etwa mit 11 Jahren habe ich angefangen Gruselgeschichten zu schreiben, weil ich die aus dem Internet viel zu langweilig fand. „Das kannst Du viel besser“, sagte ich mir. Natürlich konnte ich das damals nicht, aber heute nach ca. 50 weiteren Geschichten glaube ich schon, eine gewisse Routine entwickelt zu haben.

Herr Gerlach: Haben Sie Ihre Geschichten anderen Menschen präsentiert?

Jonas Richardt: Wenn ich von ihnen überzeugt war, habe ich sie meiner besten Freundin vorgelesen.

Herr Gerlach: Wie wichtig ist Ihnen heute eine positive Rückmeldung?

Jonas Richardt: Ich freue mich über eine positive Rückmeldung, sie motiviert mich, wichtiger jedoch ist mir die negative Rückmeldung, um durch solche Kritik besser zu werden.

Herr Gerlach: Würden Sie noch einmal an einem Essay-Wettbewerb teilnehmen?

Jonas Richardt: Auf jeden Fall. Ich würde und ich werde es tun – und ich kann es nur jedem empfehlen: Man hat in jedem Fall einen Gewinn gemacht.

Herr Gerlach: Lieber Jonas, vielen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg bei weiteren Wettbewerben.